Appenzeller Physiotherapeuten fordern existenzsichernde Tarife
735 Menschen aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden haben eine Petition unterzeichnet, die die Gesundheitsdirektion auffordert, für einen sachgerechten und kostendeckenden Physiotherapietarif zu sorgen.

Wie die Appenzeller Zeitung berichtet, hat der Physioswiss Regionalverband St.Gallen – Appenzell das Anliegen in Herisau an Mathias Müller, Departementssekretär Gesundheit und Soziales, übergeben. Die Aktion ist Teil der nationalen Kampagne «100% geben. 70% bekommen.», schweizweit zählt die Mitteilung 112'000 Unterschriften.
Was die Forderung konkret bedeutet
Gefordert wird, den Tarif für physiotherapeutische Leistungen um mindestens 30 Prozent zu erhöhen. Damit sollen Praxen ihre Betriebskosten decken, faire Löhne zahlen und die Versorgung langfristig sichern können. Der Verband betont zugleich, dass der Zugang zur Physiotherapie sowohl in den Städten als auch in den ländlichen Regionen gewährleistet bleiben soll. Aus meiner Praxis kenne ich Patientinnen und Patienten, die nach einer Knieoperation, bei chronischen Schwellungen oder nach einem Bandscheibenvorfall auf eine wohnortnahe physiotherapeutische Betreuung angewiesen sind. Schließt eine Praxis, weil sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, verschiebt sich die Last auf längere Wege, längere Wartezeiten und am Ende auf stationäre Behandlungen, die sich mit ambulanter Therapie oft vermeiden liessen. Genau hier setzt die Forderung an: Sie will nicht nur die Preise anheben, sondern die Versorgungskette stabil halten.
Reaktion und weiteres Vorgehen
Christian Wild, Präsident des Physioswiss Regionalverbands St.Gallen – Appenzell, wird in der Mitteilung mit den Worten zitiert, die grosse Unterstützung zeige, wie wichtig eine gut erreichbare Physiotherapie für die Bevölkerung im Kanton sei. Man erwarte, dass die Gesundheitsdirektion dieses Signal ernst nehme und sich für eine faire, nachhaltige Finanzierung einsetze. Die Übergabe erfolgt in einer Phase, in der Physioswiss bereits im April als Tarifpartner eine neu verhandelte Tarifstruktur eingereicht hat. Die konkreten Taxpunktwerte werden im Rahmen der kantonalen Festsetzungsverfahren bestimmt. Der Regionalverband kündigt an, den weiteren Austausch zu begleiten und darauf hinzuwirken, dass die Anliegen der Unterzeichnenden in die Verfahren einfliessen. Beobachten lohnt sich also, denn die nächsten Schritte liegen jetzt bei der kantonalen Gesundheitspolitik.
Versorgung im weiteren Kontext
Die Debatte um kostendeckende Tarife fällt in eine Zeit, in der auch die Ausbildung knapper wird. Wie die Appenzeller Zeitung weiter berichtet, bietet die ZHAW ab 2026 weniger Studienplätze in Physiotherapie an, ebenso wird die Anzahl der Plätze in Sozialer Arbeit reduziert. Physiotherapie gilt als tragende Säule des gesundheitspolitischen Grundsatzes «ambulant vor stationär», weil geeignete Behandlungen stationäre Aufenthalte vermeiden oder verkürzen können. Für Patientinnen und Patienten, die auf ein Netz aus Physiotherapie, medizinischer Massage und Faszienarbeit angewiesen sind, ist das mehr als ein Tarifstreit. Es geht um die Frage, ob wohnortnahe, qualifizierte Therapie in einigen Jahren noch selbstverständlich zur Verfügung steht oder ob lange Anfahrtswege und längere Wartezeiten zum Normalfall werden. Wer bereits jetzt eine Praxis in der Region sucht, spürt diese Entwicklung an vollen Terminplänen und an Therapeutinnen und Therapeuten, die ihre Stunden reduzieren.